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Chemie unter Druck

Im Vorfeld der Tarifrunde #Chemie22 wurden zuletzt Meldungen einzelner Unternehmen mit zum Teil besonders positiven Jahresergebnissen für 2021 wahrgenommen und auch von der IGBCE öffentlichkeitswirksam für die Verhandlungen „vorgemerkt“. Aber wie geht es der Branche insgesamt? Da lohnt vor allem die Betrachtung der mittelfristigen Entwicklung, denn ein Vergleich des durch den ersten Corona-Schock geprägten Jahres 2020 mit 2021 allein kann kein aussagekräftiges Bild vermitteln.

Produktion ohne Dynamik

Schon ein erster Blick auf die Entwicklung der Produktion, also die Menge der hergestellten Waren, lässt von 2018 bis heute keine positive Dynamik erkennen. Im Gegenteil: 2021 lag das Produktionsvolumen sogar rund drei Prozent niedriger als 2018. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die in 2021 zunächst positiven Veränderungsraten gegenüber dem Krisenjahr 2020 in den letzten Monaten kontinuierlich kleiner wurden. Das bedeutet: Weiteres Wachstum fand zuletzt nicht mehr statt. 

Eine Überraschung ist das nicht: Zum einen lässt der prognostizierte Aufschwung der deutschen Wirtschaft weiter auf sich warten. Die entsprechenden Hoffnungen wurden inzwischen in das zweite Halbjahr 2022 verschoben und erscheinen angesichts des Krieges in der Ukraine unsicherer denn je. Zum anderen setzt sich die rezessive Entwicklung in der deutschen Industrie insgesamt fort. Alle Branchen zusammen haben 2021 sogar 11 Prozent weniger hergestellt als drei Jahre zuvor. Von dieser Entwicklung wichtiger Kunden kann sich die chemische Industrie nicht dauerhaft abkoppeln.

Hinzu kommt, dass die 2021 im Vorjahresvergleich von Chemie und Pharma zunächst noch eingefahrenen Zuwächse auch auf einer Reihe von Sondereffekten beruhten, die inzwischen ausgelaufen sind. So waren große Standorte vor allem der Petrochemie in Nordamerika und Asien durch Wetterkapriolen, Corona-Pandemie und Störungen der Logistikketten nicht lieferfähig. Hiervon profitierten deutsche Standorte. Nachhaltige Produktionszuwächse, aus denen sich ein Verteilungsspielraum für die Tarifrunde herleiten ließe, ergeben sich daraus aber nicht. Das gilt umso mehr, als die Beschäftigung in der Branche kontinuierlich weiter gewachsen ist. 2021 beschäftigten die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie über ein Prozent mehr Menschen als 2018. Sinkende Produktionsmengen bei steigender Beschäftigung bedeuten aber automatisch eine sinkende Produktivität der Branche.

Extreme Differenzierung innerhalb der Branche

Dabei fehlt der mittelfristigen Entwicklung der chemisch-pharmazeutischen Industrie nicht nur jede Dynamik, sie verläuft zudem in den einzelnen Teilbranchen extrem unterschiedlich. Von den zehn wichtigsten Sektoren im Tarifbereich Chemie – von der Mineralölverarbeitung über chemische Grundstoffe, Pflanzenschutz, Lacke, pharmazeutische Produkte bis hin zur Herstellung von Chemiefasern sowie Gummi- oder Kunststoffwaren konnten nur zwei ihre Produktion von Januar 2018 bis Dezember 2021 steigern: um 3,9 bzw. 2,4 Prozent innerhalb von vier Jahren. Die größte Gruppe verzeichnete Rückgänge der Produktion zwischen fünf und zehn Prozent. Zwei Sektoren traf die Industrie-Rezession besonders hart: Die Herstellung von Gummiwaren schrumpfte um 13 und die von Chemiefasern sogar um 25 Prozent. Für alle diese Sektoren, die in den Erfolgsmeldungen einzelner Unternehmen nicht vorkommen, muss der Tarifabschluss 2022 tragbar sein.

Umsatz ist kein Ertrag

Beachtenswerte Zuwachsraten zeigte zuletzt – im Gegensatz zur Produktionsmenge – der Umsatz im Durchschnitt der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Er legte von Anfang 2018 bis Ende 2021 um 23 Prozent zu. In die Kassen der Betriebe floss also einiges an zusätzlichen Einnahmen. Der Grund für diese Entwicklung lag aber nicht in zusätzlichem Geschäft und gestiegenen Mengen, die verkauft werden konnten. Die Erzeugerpreise – also die Absatzpreise der Unternehmen für chemische und pharmazeutische Erzeugnisse – sind im selben Zeitraum um 19 Prozent gestiegen. Demnach blähte also allein die Preisentwicklung den Umsatz in den letzten Monaten auf.

Diese höheren Umsätze sind aber keineswegs in den Kassen der Betriebe verblieben. Denn auch die Preise für Rohstoffe, Energie und Vorprodukte haben sich im selben Zeitraum massiv erhöht. Der Index des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI, der die Entwicklung der Preise für Energierohstoffe aufzeigt, liegt aktuell um 80 Prozent höher als zum Jahresbeginn 2018. Bei einzelnen Vorprodukten und Rohstoffen ist die Entwicklung noch dramatischer. So bleibt von den höheren Umsätzen in den Kassen der Betriebe oft nicht nur wenig übrig, vielmehr müssen die Unternehmen noch zusätzliches Geld für diese höheren Preise ausgeben. Ihre Erträge sind unter Druck, die Unternehmen in einer Kostenklemme. Zusätzlich sind auch die tariflichen Arbeitskosten seit Anfang 2018 um über zehn Prozent gestiegen.

Höhere Umsätze allein sind eben keine höheren Erträge und können somit auch keine Basis für Umverteilung und höhere Entgelte in der Tarifrunde sein. In den Tarifverhandlungen kann es nur darum gehen, wie das verteilt wird, was in den Betrieben unter dem Strich zusätzlich erwirtschaftet wird.

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