Als Hauptgeschäftsführer der VUV Aachen sehe und höre ich aus den Chemieunternehmen vor Ort fast jeden Tag, wie stark die Realität in den Betrieben von den tarifpolitischen Erwartungen entkoppelt ist. Und damit stimme ich BAVC Hauptgeschäftsführer Schöttke vollumfänglich zu: „Beide Seiten sind in der Pflicht, für Fortschritte in den Verhandlungen zu sorgen.“
Die chemische Industrie befindet sich nicht in einer vorübergehenden Delle, sondern in einer strukturellen Belastungssituation. Produktionsrückgänge, schwache Nachfrage, hohe Energie- und Standortkosten, Investitionszurückhaltung – das sind die Fakten. Wenn führende Unternehmen wie BASF, Covestro und Evonik öffentlich vor einem weiteren Krisenjahr warnen, dann ist das ein ernstzunehmendes Signal aus dem Maschinenraum der Industrie.
In dieser Lage über Tarifpolitik zu sprechen, heißt Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für Standorte, für Beschäftigung und für Investitionsfähigkeit. Wer glaubt, man könne Verteilungsfragen losgelöst von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit führen, verkennt die Realität. Höhere Kosten bei sinkender Auslastung sichern keine Arbeitsplätze – sie gefährden sie.
Das bedeutet nicht, dass Beschäftigteninteressen zweitrangig sind. Im Gegenteil. Gerade deshalb braucht es jetzt Augenmaß, Beweglichkeit und ein gemeinsames Verständnis dafür, dass Stabilisierung vor Umverteilung kommt. Tarifpolitik lebt vom Ausgleich und nicht von Maximalforderungen in einer Phase, in der viele Unternehmen um ihre Zukunftsfähigkeit ringen. Nur angemessene Tarifabschlüsse sichern langfristig Arbeitsplätze.
Wer ernsthaft Beschäftigung sichern will, muss wirtschaftliche Fakten anerkennen. Alles andere ist Symbolpolitik. Die können wir uns in dieser Lage nicht leisten.
