Der zum Ende der letzten Woche bekannt gewordene Entwurf zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes wird den vielfältigen betrieblichen Realitäten in keiner Weise gerecht. Er spricht von Modernisierung und organisiert am Ende vor allem neue Hürden, neue Bürokratie und neues Misstrauen. Genau das können sich Unternehmen (und auch ihre Mitarbeitenden) in einer wirtschaftlich angespannten Lage und Deutschland im internationalen Wettbewerb um Firmen nicht leisten. Sie dürfen es sich nicht leisten auch im Sinne einer zukunftsfähigen Arbeitswelt.
Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber erleben jeden Tag, dass Arbeitszeit längst mehr ist als die Frage, wann jemand morgens beginnt und abends aufhört. Gut zu organisierende Arbeitszeit ist Bedingung für Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftesicherung, Vereinbarkeit, Kundenorientierung und moderne Führung. Wer diese Fragen wieder in starre Raster presst, stärkt weder den Arbeitsschutz noch die Beschäftigten. Er nimmt den Betrieben und Menschen Gestaltungsspielräume, die sie dringend brauchen.
Natürlich braucht Arbeit klare Regeln. Niemand stellt den Gesundheitsschutz in Frage. Aber Schutz entsteht nicht automatisch durch mehr Regulierung. Schutz entsteht durch verantwortliche Führung, verlässliche Absprachen, gute betriebliche Lösungen und Vertrauen zwischen Unternehmen und Beschäftigten. Genau dieses Vertrauen fehlt dem Entwurf.
Besonders problematisch ist, dass eine echte Flexibilisierung der täglichen Höchstarbeitszeit offenbar an tarifliche Voraussetzungen geknüpft werden soll. Damit würden gerade viele kleine und mittlere Unternehmen praktisch außen vor bleiben. Das ist lebensfremd – so sehr wie Tarifsysteme schätzen. Der Mittelstand arbeitet nicht weniger verantwortungsvoll, nur weil er nicht tarifgebunden ist.
Auch bei der Arbeitszeiterfassung droht erneut ein Bürokratiemonster. Digitale Dokumentation kann sinnvoll sein. Sie darf aber nicht dazu führen, dass Vertrauensarbeitszeit faktisch entwertet wird. Wer Beschäftigten Eigenverantwortung zutraut, muss diese Eigenverantwortung auch rechtlich ermöglichen.
Wir brauchen kein Arbeitszeitrecht, das die Arbeitswelt von gestern verwaltet. Und ganz ehrlich: dieser Entwurf hat so lange gebraucht? Da darf es uns in Sachen Entgeltransparenz schon jetzt grauen.
Wir brauchen ein Arbeitszeitrecht, das die Realität von heute ernst nimmt: mobile Arbeit, flexible Kundenanforderungen, internationale Zusammenarbeit, familiäre Verpflichtungen, projektbezogene Arbeit und den Wunsch vieler Beschäftigter nach mehr Zeitsouveränität.
Die Unternehmen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Der Gesetzgeber sollte ihnen endlich zutrauen, dass sie das können.
Eine Grundlage für moderne digitale Arbeitszeitgestaltung – da bin ich ganz bei der BDA – bedarf weder zusätzlicher Bürokratie bei der Arbeitszeiterfassung noch mangelndem Schutz der Vertrauensarbeitszeit.
